Flüchtlinge, Krieg und was das mit mir zu tun hat

Die wunderbare Flüchtlingsoma-Enkelgeschichte drüben bei kurzharrschnitt hat mich drüber nachdenken lassen, welche Flüchtlingsgeschichten ich aus meiner Geschichte kenne. Wie glücklich kann ich mich schätzen, dass ich diese Lebensgeschichten nur aus Erzählungen kenne und als Kind gebannt zugehört habe. Unvorstellbar das alles.
In meinem Ausbildungsverlag gab es die „Vertriebenen Zeitungen“  Unser Oberschlesien, in denen noch mehr als 30 Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkrieges über vergangenen und gegenwärtiges berichtet wurde. 7 verschiedene Ausgaben gab es, selten neue Abonnenten, dafür immer wieder Retouren mit ‚Empfänger verstorben‘. Die Chefredakteurin, Fräulein Schiffer war eine kleine, alte, zierliche Frau mit einem fremden Dialekt. Sie wohnte oben im Verlag unterm Dach in einem Zimmerchen. Sie war verhuscht und irgendwie die meiste Zeit unsichtbar. Der Verlagschef war auch aus Oberschlesien. Ein für mich furchteinflössender grosser Mann, mit tiefer Stimme, Hut, Zigarre und immer mit Mantel, schlich er morgns um 8:01 Uhr auf leisen Sohlen in sein Heiligtum und abends um 16:44 war er auf dem Weg raus. So erwischte er jeden, der zu spät kam oder zu früh ging. Viele ‚Vertriebene‘ haben in diesem Verlag gearbeitet. Leider habe ich mich nie wirklich für die Geschichten dieser Fremden interessiert, mit 16/17. Im Verlag arbeitete (für mich damals) alter Mann. Weisse Haare, dicke Brille, immer in Hemd und Anzug, mit einem Holzbein. Ich hatte mich nie getraut zu fragen, wie das passiert ist. Meine Kindheit und Jugend war geprägt durch Kriegsgeschichten der Alten, die immer etwas mit Flucht, Entbehrungen, Verlust zu tun hatten. Der Ziehvater meines Freundes ist zu Fuß aus russischer Gefangenschaft geflüchtet und hat es bis nach Hause geschafft. So komme ich zwangsläufig – und es wird jedem so gehen – von den Flüchtlingsgeschichten zu den Kriegsgeschichten.
Generationen werden von Krieg und Flucht beeinflusst. Wie schlimm muss es da sein, noch nie was anders als Entbehrungen, Angst und Leid kennengelernt zu haben im Leben. Und dann schaffen sie es bis hierher, die Menschen, die nichts mehr haben und müssen auch hier weiter mit Angst leben, weil es Dumpfbacken gibt, die lauthals, mit der Bierflasche in der Hand, in Unterhemd und Jogginghose Angst haben, etwas teilen zu müssen? Heute muss jeder einzelne weniger teilen als in den 1940gern/1950gern und doch scheint es den Europäern schwerer zu fallen als damals! Warum habe ich den Eindruck, dass es hier die bildungsfernen Mittagsfernsehgucker sind, die lauthals Hasstiraden loslassen und dummes Zeug schwätzen? Weil Menschen mit Bildung und ein bisschen Verstand Geschichten wie ich kennen, und auch in der Kindheit gelernt haben, was Mitgefühl und Menschlichkeit ist. DAS kann allerdings kein Fernsehen und kein Computerspiel vermitteln. Und wenn heute immer mehr immer weniger Lebenswichtiges erfahren, weil alle nur noch auf ihre Hände starren, um irgendwelche Tasten zu drücken, dann muss es wohl an der Zeit sein, dass dramatisches geschieht, um wach zu werden. Wenn andere am sozialen, morschen Gerüst wackeln, werden die tief fallen, die oben sind, nicht die, die schon längst unten liegen.

Wirre Gedanken, aber ich kenn das ja. Entweder kommt nix oder es fliesst ungehemmt aus mir raus 😉 mein erster Smiley in diesem Text, nach mehr ist mir nicht!

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5 Kommentare

  1. Ich teile deine Gedanken weitestgehend.
    Einzig muss ich die Gleichung „Hartz4-Bezüger“ = Asis und Dumpfbacken relativieren.
    Das kann heute echt jede und jeden treffen und ist längst kein Minusprivileg von Asis mehr.
    Ansonster: Danke für deine Inputs!

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    • S(tef)unny

       /  8. August 2015

      Ja, habe ich bewusst provokant stehen lassen und dem Impuls es zu löschen nicht nachgegeben. So ist dass, wenn alle alle über einen Kamm scheren, das machen die „besorgten Bürger“ auch gerne ….

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      • Hat was, deine Überlegung. Weil ich aber paar richtig gute Menschen mit H4 kenne, hats mich getroffen.
        Danke für die Aufklärung. Wir sind differenziert, das ist es wohl, was den Unterschied ausmacht.

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      • S(tef)unny

         /  8. August 2015

        Ich bin ja dann doch zerknirscht. Du hast ja Recht! Und verletzten wollte ich in keinster Weise. Habe den Text dann doch modifiziert und bildungsfern trifft es viel besser.

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      • Zerknirschen wollte ich dich nicht. Danke sehr fürs Verständnis!

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